Der March for Science und das Mittelalter

Hamburg, 24. April 2017

Science March in Hamburg: Nach der ersten Kundgebung geht es vom Rathausmarkt los
in Richtung Jungfernstieg. Foto: C. Schrader 

Am Samstag waren etwa 1500 bis 2000 Menschen auf dem Hamburger Rathausmarkt beim hiesigen March for Science. Es war einer von 600 auf dem ganzen Planeten, die in Solidarität mit dem Protest der amerikanischen Wissenschaftler stattfanden. Diese marschierten in Washington, andere demonstrierten auch in der Antarktis, unter Wasser vor Hawaii und in etwa 20 deutschen Städten, darunter Heidelberg, Berlin und München.

Als ich vor dem Hamburger Rathaus stand und dort den Reden zuhörte, dachte ich an eine Passage aus dem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari. Er definiert die Entwicklung unserer Spezies als eine Abfolge von drei Revolutionen, der kognitiven vor 70000 Jahren, der landwirtschaftlichen vor 12000 Jahren und der wissenschaftlichen vor 500 Jahren. In dieser sind wir noch mitten drin, und der Anlass der Demos war, dass wir gerade eine Art Konterrevolution erleben: Der Einfluss der Wissenschaft auf das Denken und die Politik soll zurückgedrängt werden. Um dem entgegenzutreten, forderten die Veranstalter der Märsche – und damit die Teilnehmer – eine Art Evidenz-basierter Politik, also gesellschaftliche Entscheidungen, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen, zumindest dort, wo sie vorhanden sind.

Foto von twitter, Bearbeitung: cs

Es ist interessant, wie Harari das Wesen der wissenschaftlichen Revolution definiert. Sie habe mit dem Eingeständnis des Unwissens begonnen, sagt er. Im Mittelalter war die Menschheit, jedenfalls in Europa, aber auch in anderen Kulturkreisen, der Meinung, alles Wissenswerte sei schon bekannt. Wer sich bildete, nahm dieses vorhandene Wissen in sich auf, niemand sah die Notwendigkeit, darüber hinaus zu denken. Was nicht bekannt war, war unwichtig. Und Empirie, die dem scheinbaren Wissen widersprach, konnte daran auch nichts ändern, manchmal war sie sogar gefährlich.

Dieses Bewusstsein änderte sich zu Beginn der Neuzeit. Harari illustriert das am Beispiel der „Entdeckung“ Amerikas. Christopher Columbus segelte 1492 in der festen Erwartung los, den Seeweg nach Indien zu finden. Er betrachtete die Karibik-Inseln, auf denen er landete, als Teil Indiens (noch heute heißen sie westindische Inseln) und nannte ihre Bewohner Indios. Bis zu seinem Tod beharrte er auf dieser Postion. Und dann kam der „erste moderne Mensch“ Amerigo Vespucci, der um das Jahr 1500 nach Europa von einem unbekannten Kontinent berichtete, vor dessen Küste Columbus‘ Inseln lägen. Es war ein Kontinent, von dem die Gelehrten seiner Zeit nichts wussten, der in ihren Büchern nicht vorkam, den es nach mittelalterlichem Denken nicht geben konnte. Harari urteilt: „Im Grunde ist es nur gerecht, dass ein Viertel der Welt nach einem unbekannten Italiener benannt wurde, an den wir uns heute nur deshalb erinnern, weil er den Mut hatte zu sagen: ,Wir wissen es nicht.'“

Das Weltbild des Mittelalters war natürlich stark geprägt von heiligen Büchern. Und die Menschen lebten in Ehrfurcht davor. „Es war unvorstellbar“, schreibt Harari, „dass die Bibel, der Koran oder die Vedas ein entscheidendes Geheimnis des Universums übersehen haben könnten, und dass es an gewöhnlichen Sterblichen sein könnte, dieses Geheimnis zu lüften… Was die mächtigen Götter nicht offenbarten und was die Weisen der Vergangenheit nicht in ihre Schriften aufnahmen, war definitionsgemäß irrelevant.“

Und da – jetzt spinne ich Hararis Analyse weiter –  haben wir doch eine Erklärung für die Wissenschafts-Feindlichkeit, die uns zum Beispiel aus den USA entgegenschlägt. Die religiöse Rechte, die dort jetzt den Ton angibt, beharrt darauf, dass Gott die Geschicke der Welt bis ins Detail lenkt, und verlangt Unterordnung unter die himmlische Fügung (und ganz nebenbei kann man dann noch die eigenen Interessen der biblischen Botschaft unterjubeln): Am klarsten zeigt sich das bei der Opposition gegen die Evolutionsforschung und den Evolutionsunterricht in den Schulen. Es ist aber auch in den Debatten über den Klimawandel, Impfungen oder Gentechnik zu erkennen. In dieser Hinsicht führt der Gegenwind gegen die Wissenschaften sozusagen in das Mittelalter zurück nach dem Motto: Es ist nicht am Menschen, die Geheimnisse Gottes zu lüften und zu entweihen.

Es ist nötig, sich diese Positionen einmal auf diese Weise klar zu machen. Natürlich will von den Anhängern der Trump-Regierung niemand zurück ins Mittelalter. Aber die geistige Haltung, der Wissenschaft keinen zentralen Wert mehr in der Gesellschaft einzuräumen, hat viele Parallelen zur damals verbreiteten Position des Nicht-Wissen-Wollens.

PS: Zwei Bemerkungen noch. Erstens: Dass es der Wissenschaft erfolgreich gelingt, viele Geheimnisse zu lüften, nehmen manche als Beleg, dass es Gott gar nicht gibt. Das halte ich für eine unzulässige Verkürzung, außerdem tritt man damit den Menschen vor das Schienenbein, für deren Identität der Glauben an Gott zentral ist. Das ist nicht nur grundlos verletzend, sondern auch sinnlos und taktisch unklug, weil es Reaktionen wie die jetzige beschleunigen kann. Zudem gibt es in den Kirchen viele kluge Menschen, die zwischen Religion und Wissenschaft überhaupt keinen Widerspruch sehen, auch und gerade auf den Gebieten Evolution und Klimawandel.
Zweitens: Dass sich Politik auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt, unterstütze ich natürlich vollkommen. Doch das greift zu kurz, denn die Resultate der Wissenschaft können gesellschaftliche Entscheidungen ja nicht ersetzen. In der Klimadebatte zum Beispiel kann man sehr wohl verschiedene Kurse steuern, wenn sie alle die Leitplanken einhalten, die die Wissenschaft gesteckt hat. Insofern müsste man eigentlich fordern, dass Politik den Erkenntnissen der Forschung nicht widersprechen sollte, sie darüber hinaus aber ihren Gestaltungsfreiraum ausschöpfen kann – und dass sich jeder in einer Demokratie daran beteiligen kann. Das ist vielleicht nicht sexy genug für den Aufruf zu einer Demonstration, aber zentral für das Selbstverständnis des Wissenschaftlers als Bürger. Wie heißt es beim IPCC: policy relevant but not policy prescriptive.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.